Politik / Aktualität

Bedeutungspolitik


07.09.
Gerade bei Matt McManus gesehen: politics of meaning. McManus ist hier ein wenig ermüdend, diese Analysen von „reaktionär“ sind doch ziemlich freifliegende Zuschreibungen, aber egal. Ich bin jetzt vor allem an diesem Ausdruck hängengeblieben.

Politics of meaning – das bezieht sich bei ihm eher auf Vorstellungen über ein „bedeutungsvolles Leben“, die je nach politischer Ausrichtung unterschiedlich ausfallen, er nennt es „life’s meaning“. Bei mir im Kopf hat der Ausdruck politics of meaning gerade eben einen anderen Deutungsweg genommen, aber letztlich treffen sich beide dann doch wieder, wenn auch etwas in der Ferne.

Übrigens, meaning. Es ist ja interessant, wie unterschiedlich das Vokabular für „Bedeutung“ in den verschiedenen Sprachen ist. Bei „Bedeutung“, „signification“ oder „значение“ ist bereits im Wort selbst eine Theorie von Zeigen oder Zeichen mitgedacht; anders bei „meaning“, das Anklänge einer mentalistischen Theorie, einer Theorie des Meinens, mittransportiert. Inwiefern spiegelt sich darin Ideengeschichte wider (Locke, Peirce)? Auf jeden Fall bringt es Gebrauchsunterschiede mit sich.

Die Kulturkämpfe, über die McManus ja letztlich immer schreibt, sind Auseinandersetzungen über Bedeutung, also über das Bedeuten, also darüber, wie man etwas versteht, also über Verstehensweisen. Und sie manifestieren sich eben auch häufig unmittelbar linguistisch, als Auseinandersetzungen über Verstehensweisen von Wörtern, über deren Entendenzen. Divergierende, konfligierende Entendenzen: das ist es, was Anlass gibt zu den Streitereien über politisch korrekte (oder diskriminierungssensible) Sprache, über geschlechtergerechte Formen und Endungen, über Strassennamen, Produktbezeichnungen usw.

Es geht in diesen Debatten immer darum, wie wir ein Wort verstehen. Ihrer Rhetorik nach werden sie natürlich nicht über das Verstehen geführt, sondern darüber, „was ein Wort denn nun wirklich bedeutet“, aber das ist nur eine Strategie, um seine jeweils eigene Verstehensweise am Wort selbst festzumachen und ihr so grössere Legitimität zu verschaffen. Der Sache nach ist es halt einfach nicht so, dass „die Lehrer“ irgendwie aus sich heraus bedeutet: alle männlichen Lehrkräfte, oder dass es bedeutet: alle Lehrkräfte überhaupt, sondern es ist so, dass wir es so oder so verstehen, und mehr noch, dass wir es so oder so verstehen wollen, und in diesem Wollen liegt das Politische an der ganzen Sache.

Man muss, denke ich, die Dinge da gut auseinanderhalten. Nicht alle Entendenzen sind politisch. Sicher, Entendenzen sind extremen historischen Veränderungen unterworfen, insofern Teil der Geschichte und ihres Wandels, aber häufig sind es Sachgründe, die zu Entendenzen-Veränderung den Anlass geben, oder ein occasioneller, sowieso geschehender, nicht primär aus Konflikten erwachsender Kulturwandel. Aber andererseits kann eben auch jede Entendenz (oder so gut wie jede) politisch werden, und zwar immer dann, wenn sie in den Bereich des politischen Wollens gerät.

Bedeutungspolitik – den Begriff kann man ähnlich bilden, also nach dem gleichen Muster, wie Geschichtspolitik, Symbolpolitik, Realpolitik usw. Und die Bedeutungspolitik hat derzeit sicher einen hohen Stellenwert, höher als noch vor ein oder zwei Jahrzehnten. Aber andererseits ist das auch nichts Neues: Immer, wenn Transformationen verhandelt werden (oder, in anderen Fällen, verfügt werden), finden auch bedeutungspolitische Auseinandersetzungen statt oder werden bedeutungspolitische Veränderungen durchgesetzt. Was wurde während der französischen Revolution um Wörter gestritten! (Neulich etwas dazu gelesen, wo war das?) Und die russische Revolution hat nicht nur die Orthografie, sondern auch den Wortschatz vollkommen verändert.

Einerseits kommt, wenn man an die Sprache der russischen Revolution denkt, natürlich Orwell und sein Neusprech in den Sinn. Andererseits sollte man bedeutungspolitische Konflikte nicht mit solchen bedeutungspolitischen Totalitarismen verwechseln, und derzeit haben wir es sicherlich mit dem ersten zu tun, mit Konflikten.

Wenn man von Bedeutungspolitik redet, muss man sich fragen, was dabei mit Politik gemeint ist (mit Bedeutung ist Entendenz gemeint). Mir scheint, wenn man das Wort Politik unspezifisch in seinem derzeit üblichen Verständnis verwendet, dann spielt man damit vor allem auf so etwas wie einen „Kampf der Interessen“ an. Daran gibt es ja erst einmal auch nicht viel auszusetzen, jedenfalls, solange man sich im Bereich des klassischen Politischen bewegt, in dem es um materielle Güter und deren Verteilung geht, um Fragen der Sicherheit usw.

Aber bei der Bedeutungspolitik geschieht etwas, das die klassische Politik nicht kennt, nämlich ein unmittelbarer Kurzschluss zwischen dem Politischen und dem Epistemischen. Wie ich ein Wort verstehe ist – in bedeutungspolitischen Konflikten – einerseits eine politische Angelegenheit, andererseits aber auch eine Angelegenheit meiner Erkenntnis, des understandig, eben eine epistemische. Beide treffen in einem Punkt zusammen, und dieser Punkt ist das Wort.

Daher scheint mir, dass „Interessen“ in diesem Fall nicht die richtige Akzentuierung von „politisch“ anzeigt. Es geht ja in der Bedeutungspolitik darum, wie man etwas versteht (zum Beispiel ein Wort), es wäre aber seltsam, hier von „Verstehensinteressen“ zu reden. Man ist ja nicht interessiert, etwas so oder so zu verstehen, sondern man will es so oder so verstehen, und das ist ein Unterschied. Das Wollen ist globaler als das Interesse, und es ist vor allem auch viszeraler. Es kommt – nun gut, nicht geradewegs aus dem Bauch, aber es ist doch ein allerinnerstes Streben, durchaus auch ein existenzielles.

Und das – ich muss jetzt schnell machen – führt auf mehrere Überlegungen. Erstens, dass der bedeutungspolitische Konflikt um Geschlechterendungen, Strassennamen usw. ein holistischer ist: Ausschlaggebend ist jeweils das ganze politische Wollen, also nicht nur das Verstehenwollen dieses einen Wortes, das in den Brennpunkt des Konflikts geraten ist, sondern das jeweilige politische Wollen überhaupt. Der Wortstreit ist dann nur ein Symptom.

Zweitens: Es ist frappierend, wie sehr das Wollen – das so-oder-so-verstehen-Wollen – einen Einfluss auf meine Erkenntnisprozesse hat. Wenn ich das Wort X als diskriminierend verstehen will, dann ist für mich dieses Wort diskriminierend, unabhängig davon, dass ein anderer es anders verstehen will und es für ihn dann nicht diskriminierend ist.

Und drittens natürlich, dass wir die von den Wörtern aufgeworfenen Probleme mit einer Auseinandersetzung über die Wörter nicht lösen können. Ich werde niemand davon überzeugen können, dass „Lehrer“ ein „generisches Maskulinum“ ist (weil es das eben auch nicht ist, sondern nur als ein solches verstanden werden kann); genauso wie ich niemand davon werde überzeugen können, dass es keines ist – weil es eben auch nicht keines ist, sondern nur als keines verstanden werden kann. Und wie ich es denn dann verstehe, das hängt in einer derart globalen, holistischen Weise von meinem politisch-epistemischen Wollen ab, dass es eigentlich gar keinen Sinn hat, sich über die Wörter zu echauffieren.

„Epistemisch“ – daran gefällt mir etwas nicht. Zu sehr klingt da das Positive, ein vorausgesetztes Gelingen der Erkenntnis mit. Es müsste neutraler sein, weniger Konnotation von wahr mitbringen. ︎︎︎





Bonität und Legitimität


29.10.
Wozu diese Vehemenz in den Corona-Streitigkeiten? Diese Aggressionen? Mir scheint, die Leute können Legitimität und Bonität nicht auseinanderhalten. Mit Bonität meine ich integrierte voraussichtliche Güte, Qualität, Tauglichkeit – also praktischer Nutzen, ethische und menschliche Effekte, politische Durchsetzbarkeit etc. auf einen Nenner gebracht. Wie eben jeder irgendwann sagt: In Anbetracht aller Faktoren finde ich dies besser. Oder das.

Dass Bonität exorbitant schwierig zu beurteilen ist, dürfte auf der Hand liegen. Allein schon, weil viele Faktoren, die ins Bonitätskalkül eingehen, in der Zukunft liegen und nur sehr unvollkommen prognostizierbar sind. Aber Bonität ist auch nicht einfach kontingent, rein relativ, nur eine Sache der Perspektive. Es gibt Fälle, in denen Optionen objektiv (oder wenigstens intersubjektiv) eine wesentlich geringere Bonität besitzen als andere: A ist viel schlechter als B. Aber es gibt auch andere Fälle, in denen sich Bonitäten nur in Nuancen unterscheiden (A ist ein wenig schlechter als B) oder eine eindeutige Hierarchie nicht konstruiert werden kann (A könnte genauso gut sein wie B).

Dennoch ist Bonität immer etwas anderes als Legitimität. Dafür, dass eine Option in der Tat illegitim wäre, muss sie in grundlegender Weise Anforderungen von Plausibilität oder Anstand verletzen, muss sie "jenseits von Gut und Böse" sein. Solche Optionen habe ich in der aktuellen Debatte nicht gesehen.

Wenn man aber anerkennt, dass in einer multikonfliktuellen Situation wie dieser verschiedene legitime Optionen bestehen, die einander widersprechen und einander ausschliessen, die aber andererseits eine vermutlich nicht sehr verschiedene Bonität besitzen, dass A also, obwohl in diametralem Gegensatz zu B stehend, möglicherweise nur um Spuren besser oder schlechter ist als B, dann ist es sinnlos und realitätsfremd, so vehement miteinander zu streiten und so aggressiv aufeinander loszugehen. Angemessen wäre dann eher, sich zunächst gegenseitig seiner jeweiligen Ratlosigkeit zu vergewissern: Ich weiss es ja auch nicht. Deine Option B und meine Option A führen in völlig verschiedene Richtungen, und mir ist klar, wie du dir deine Option B vorstellst und sie begründest. Dennoch erscheint mir meine Option A besser als deine Option B – wenn auch nur um ein Mü, über alles gesehen. Aber das Besondere unserer gemeinsamen Situation liegt darin, dass wir anhand eines Müs, noch dazu eines mutmasslichen, Entscheidungen von ungeheurer Reichweite zu treffen haben. Versuchen wir also beide, jene anderen Menschen, die auch an der Entscheidung beteiligt und von ihr betroffen sind, von den jeweiligen winzigen Vorteilen unserer Optionen zu überzeugen, und sehen wir zu, wem das besser gelingt. Und treffen wir gleich die Verabredung, dass angesichts der Ratlosigkeit, die die Situation in uns beiden hervorruft, jeder von uns auch die Option des anderen zu teilen und mitzutragen bereit wäre.

So sähe meiner Meinung nach der Umgang erwachsener Menschen miteinander aus, die Legitimität und Bonität zu trennen verstehen. Und nicht nur in Covid-Fragen.
︎︎︎