Politik / Aktualität

Bedeutungspolitik


07.09.
Gerade bei Matt McManus gesehen: politics of meaning. McManus ist hier ein wenig ermüdend, diese Analysen von „reaktionär“ sind doch ziemlich freifliegende Zuschreibungen, aber egal. Ich bin jetzt vor allem an diesem Ausdruck hängengeblieben.

Politics of meaning – das bezieht sich bei ihm eher auf Vorstellungen über ein „bedeutungsvolles Leben“, die je nach politischer Ausrichtung unterschiedlich ausfallen, er nennt es „life’s meaning“. Bei mir im Kopf hat der Ausdruck politics of meaning gerade eben einen anderen Deutungsweg genommen, aber letztlich treffen sich beide dann doch wieder, wenn auch etwas in der Ferne.

Übrigens, meaning. Es ist ja interessant, wie unterschiedlich das Vokabular für „Bedeutung“ in den verschiedenen Sprachen ist. Bei „Bedeutung“, „signification“ oder „значение“ ist bereits im Wort selbst eine Theorie von Zeigen oder Zeichen mitgedacht; anders bei „meaning“, das Anklänge einer mentalistischen Theorie, einer Theorie des Meinens, mittransportiert. Inwiefern spiegelt sich darin Ideengeschichte wider (Locke, Peirce)? Auf jeden Fall bringt es Gebrauchsunterschiede mit sich.

Die Kulturkämpfe, über die McManus ja letztlich immer schreibt, sind Auseinandersetzungen über Bedeutung, also über das Bedeuten, also darüber, wie man etwas versteht, also über Verstehensweisen. Und sie manifestieren sich eben auch häufig unmittelbar linguistisch, als Auseinandersetzungen über Verstehensweisen von Wörtern, über deren Entendenzen. Divergierende, konfligierende Entendenzen: das ist es, was Anlass gibt zu den Streitereien über politisch korrekte (oder diskriminierungssensible) Sprache, über geschlechtergerechte Formen und Endungen, über Strassennamen, Produktbezeichnungen usw.

Es geht in diesen Debatten immer darum, wie wir ein Wort verstehen. Ihrer Rhetorik nach werden sie natürlich nicht über das Verstehen geführt, sondern darüber, „was ein Wort denn nun wirklich bedeutet“, aber das ist nur eine Strategie, um seine jeweils eigene Verstehensweise am Wort selbst festzumachen und ihr so grössere Legitimität zu verschaffen. Der Sache nach ist es halt einfach nicht so, dass „die Lehrer“ irgendwie aus sich heraus bedeutet: alle männlichen Lehrkräfte, oder dass es bedeutet: alle Lehrkräfte überhaupt, sondern es ist so, dass wir es so oder so verstehen, und mehr noch, dass wir es so oder so verstehen wollen, und in diesem Wollen liegt das Politische an der ganzen Sache.

Man muss, denke ich, die Dinge da gut auseinanderhalten. Nicht alle Entendenzen sind politisch. Sicher, Entendenzen sind extremen historischen Veränderungen unterworfen, insofern Teil der Geschichte und ihres Wandels, aber häufig sind es Sachgründe, die zu Entendenzen-Veränderung den Anlass geben, oder ein occasioneller, sowieso geschehender, nicht primär aus Konflikten erwachsender Kulturwandel. Aber andererseits kann eben auch jede Entendenz (oder so gut wie jede) politisch werden, und zwar immer dann, wenn sie in den Bereich des politischen Wollens gerät.

Bedeutungspolitik – den Begriff kann man ähnlich bilden, also nach dem gleichen Muster, wie Geschichtspolitik, Symbolpolitik, Realpolitik usw. Und die Bedeutungspolitik hat derzeit sicher einen hohen Stellenwert, höher als noch vor ein oder zwei Jahrzehnten. Aber andererseits ist das auch nichts Neues: Immer, wenn Transformationen verhandelt werden (oder, in anderen Fällen, verfügt werden), finden auch bedeutungspolitische Auseinandersetzungen statt oder werden bedeutungspolitische Veränderungen durchgesetzt. Was wurde während der französischen Revolution um Wörter gestritten! (Neulich etwas dazu gelesen, wo war das?) Und die russische Revolution hat nicht nur die Orthografie, sondern auch den Wortschatz vollkommen verändert.

Einerseits kommt, wenn man an die Sprache der russischen Revolution denkt, natürlich Orwell und sein Neusprech in den Sinn. Andererseits sollte man bedeutungspolitische Konflikte nicht mit solchen bedeutungspolitischen Totalitarismen verwechseln, und derzeit haben wir es sicherlich mit dem ersten zu tun, mit Konflikten.

Wenn man von Bedeutungspolitik redet, muss man sich fragen, was dabei mit Politik gemeint ist (mit Bedeutung ist Entendenz gemeint). Mir scheint, wenn man das Wort Politik unspezifisch in seinem derzeit üblichen Verständnis verwendet, dann spielt man damit vor allem auf so etwas wie einen „Kampf der Interessen“ an. Daran gibt es ja erst einmal auch nicht viel auszusetzen, jedenfalls, solange man sich im Bereich des klassischen Politischen bewegt, in dem es um materielle Güter und deren Verteilung geht, um Fragen der Sicherheit usw.

Aber bei der Bedeutungspolitik geschieht etwas, das die klassische Politik nicht kennt, nämlich ein unmittelbarer Kurzschluss zwischen dem Politischen und dem Epistemischen. Wie ich ein Wort verstehe ist – in bedeutungspolitischen Konflikten – einerseits eine politische Angelegenheit, andererseits aber auch eine Angelegenheit meiner Erkenntnis, des understandig, eben eine epistemische. Beide treffen in einem Punkt zusammen, und dieser Punkt ist das Wort.

Daher scheint mir, dass „Interessen“ in diesem Fall nicht die richtige Akzentuierung von „politisch“ anzeigt. Es geht ja in der Bedeutungspolitik darum, wie man etwas versteht (zum Beispiel ein Wort), es wäre aber seltsam, hier von „Verstehensinteressen“ zu reden. Man ist ja nicht interessiert, etwas so oder so zu verstehen, sondern man will es so oder so verstehen, und das ist ein Unterschied. Das Wollen ist globaler als das Interesse, und es ist vor allem auch viszeraler. Es kommt – nun gut, nicht geradewegs aus dem Bauch, aber es ist doch ein allerinnerstes Streben, durchaus auch ein existenzielles.

Und das – ich muss jetzt schnell machen – führt auf mehrere Überlegungen. Erstens, dass der bedeutungspolitische Konflikt um Geschlechterendungen, Strassennamen usw. ein holistischer ist: Ausschlaggebend ist jeweils das ganze politische Wollen, also nicht nur das Verstehenwollen dieses einen Wortes, das in den Brennpunkt des Konflikts geraten ist, sondern das jeweilige politische Wollen überhaupt. Der Wortstreit ist dann nur ein Symptom.

Zweitens: Es ist frappierend, wie sehr das Wollen – das so-oder-so-verstehen-Wollen – einen Einfluss auf meine Erkenntnisprozesse hat. Wenn ich das Wort X als diskriminierend verstehen will, dann ist für mich dieses Wort diskriminierend, unabhängig davon, dass ein anderer es anders verstehen will und es für ihn dann nicht diskriminierend ist.

Und drittens natürlich, dass wir die von den Wörtern aufgeworfenen Probleme mit einer Auseinandersetzung über die Wörter nicht lösen können. Ich werde niemand davon überzeugen können, dass „Lehrer“ ein „generisches Maskulinum“ ist (weil es das eben auch nicht ist, sondern nur als ein solches verstanden werden kann); genauso wie ich niemand davon werde überzeugen können, dass es keines ist – weil es eben auch nicht keines ist, sondern nur als keines verstanden werden kann. Und wie ich es denn dann verstehe, das hängt in einer derart globalen, holistischen Weise von meinem politisch-epistemischen Wollen ab, dass es eigentlich gar keinen Sinn hat, sich über die Wörter zu echauffieren.

„Epistemisch“ – daran gefällt mir etwas nicht. Zu sehr klingt da das Positive, ein vorausgesetztes Gelingen der Erkenntnis mit. Es müsste neutraler sein, weniger Konnotation von wahr mitbringen. ︎︎︎





Bonität und Legitimität


29.10.
Wozu diese Vehemenz in den Corona-Streitigkeiten? Diese Aggressionen? Mir scheint, die Leute können Legitimität und Bonität nicht auseinanderhalten. Mit Bonität meine ich integrierte voraussichtliche Güte, Qualität, Tauglichkeit – also praktischer Nutzen, ethische und menschliche Effekte, politische Durchsetzbarkeit etc. auf einen Nenner gebracht. Wie eben jeder irgendwann sagt: In Anbetracht aller Faktoren finde ich dies besser. Oder das.

Dass Bonität exorbitant schwierig zu beurteilen ist, dürfte auf der Hand liegen. Allein schon, weil viele Faktoren, die ins Bonitätskalkül eingehen, in der Zukunft liegen und nur sehr unvollkommen prognostizierbar sind. Aber Bonität ist auch nicht einfach kontingent, rein relativ, nur eine Sache der Perspektive. Es gibt Fälle, in denen Optionen objektiv (oder wenigstens intersubjektiv) eine wesentlich geringere Bonität besitzen als andere: A ist viel schlechter als B. Aber es gibt auch andere Fälle, in denen sich Bonitäten nur in Nuancen unterscheiden (A ist ein wenig schlechter als B) oder eine eindeutige Hierarchie nicht konstruiert werden kann (A könnte genauso gut sein wie B).

Dennoch ist Bonität immer etwas anderes als Legitimität. Dafür, dass eine Option in der Tat illegitim wäre, muss sie in grundlegender Weise Anforderungen von Plausibilität oder Anstand verletzen, muss sie "jenseits von Gut und Böse" sein. Solche Optionen habe ich in der aktuellen Debatte nicht gesehen.

Wenn man aber anerkennt, dass in einer multikonfliktuellen Situation wie dieser verschiedene legitime Optionen bestehen, die einander widersprechen und einander ausschliessen, die aber andererseits eine vermutlich nicht sehr verschiedene Bonität besitzen, dass A also, obwohl in diametralem Gegensatz zu B stehend, möglicherweise nur um Spuren besser oder schlechter ist als B, dann ist es sinnlos und realitätsfremd, so vehement miteinander zu streiten und so aggressiv aufeinander loszugehen. Angemessen wäre dann eher, sich zunächst gegenseitig seiner jeweiligen Ratlosigkeit zu vergewissern: Ich weiss es ja auch nicht. Deine Option B und meine Option A führen in völlig verschiedene Richtungen, und mir ist klar, wie du dir deine Option B vorstellst und sie begründest. Dennoch erscheint mir meine Option A besser als deine Option B – wenn auch nur um ein Mü, über alles gesehen. Aber das Besondere unserer gemeinsamen Situation liegt darin, dass wir anhand eines Müs, noch dazu eines mutmasslichen, Entscheidungen von ungeheurer Reichweite zu treffen haben. Versuchen wir also beide, jene anderen Menschen, die auch an der Entscheidung beteiligt und von ihr betroffen sind, von den jeweiligen winzigen Vorteilen unserer Optionen zu überzeugen, und sehen wir zu, wem das besser gelingt. Und treffen wir gleich die Verabredung, dass angesichts der Ratlosigkeit, die die Situation in uns beiden hervorruft, jeder von uns auch die Option des anderen zu teilen und mitzutragen bereit wäre.

So sähe meiner Meinung nach der Umgang erwachsener Menschen miteinander aus, die Legitimität und Bonität zu trennen verstehen. Und nicht nur in Covid-Fragen.
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Intellektuelle Konjukturen


Zu intellektuellen Konjunkturen. Ich habe gerade mal nachgeschaut – es ist genau (und nur) 17 Jahre her, dass ich in einem Berliner Café in einen mittleren Eklat verwickelt war. Zu dieser Zeit stand, zumindest in Deutschland, noch das Wort „evolutionär-“ vor den wichtigsten Moderichtungen der Menschen- und Gesellschaftskunde, an so ziemlich der gleichen Stelle, an der derzeit gerade „kritisch“ steht. Und dementsprechend galt damals alles als „geworden“, was heute als „gemacht“ gilt – von den Bedingtheiten der menschlichen Erkenntnisweisen bis zum, versteht sich, Geschlecht und seinen jeweiligen (angeblichen?) Spezifiken.

Eigentlich sollte es bei diesem Treffen um eine gemeinnützige Angelegenheit gehen, für die ich überlegte, etwas zu spenden – ein guter Freund aus der Philosophie hatte uns zusammengebracht, ungefähr mit den Worten: Ihr könnt sicher auch sonst etwas miteinander anfangen. Ha, und ob.

Wir sassen da, es könnte im „Il Pane e le Rose“ gewesen sein, am Nachmittag, drinnen, und relativ schnell wurde im Gespräch mit meinem neuen Bekannten klar, dass sein Spendenanliegen nicht meins war, also wechselten wir die Themen. Was ich nicht wusste: Mein Gegenüber war Psychologe, gerade promovierend oder gerade fertigpromoviert. Und nicht irgendein Psychologe, sondern Evolutionspsychologe.

All diesen intellektuellen Schulen mit den vorangestellten Attribut „evolutionär-“ ist ja bekanntlich eines gemeinsam: Sie leiten Phänomene, die beim Menschen oder in der menschlichen Gesellschaft beobachtbar sind, aus ihrer jeweiligen evolutionären Vorgeschichte her. Und zwar ausschliesslich aus dieser. Und das, wie ich feststellen durfte, oft mit grossem Engangement für die Sache.

Mein Gegenüber jedenfalls erklärte mir, dass alles, was der Mensch tut, empfindet, will, ja was er überhaupt ist, einzig und allein ein Produkt der Evolution sei und nichts anderes sonst, und dass er, der Mensch, folglich auch keinerlei eigene Gestaltungsmacht über dieses Tun, Empfinden und Sein besässe ausserhalb des von den evolutionären Kräften gesetzten Rahmens, deren Auswirkungen sich aber bekanntlich erst über Jahrhunderttausende bemerkbar machten und die zudem vom Menschen nur bedingt steuerbar seien.

Das heisst, er glaubte mir das alles zu erklären, denn neu war es für mich ja nicht. Ich hatte ein paar Jahre vorher meine sich anbahnende Unikarriere zugunsten Russlands und, wie soll man sagen: „des Lebens“ abrupt abgewendet, und angebahnt hatte sie sich mit eben just den Themen der Theorie der (allerdings: strikt biologischen) Evolution. Ich war auf dem Laufenden. Und alles andere als beeindruckt.

Ich weiss nicht mehr, wie ich im Detail argumentierte, jedenfalls hielt ich dem verabsolutierten Evolutions-Naturalismus meines Gesprächspartners – wir nippten da noch halbwegs entspannt unseren Cappuccino – entgehen, dass, sicher, ja, das eine oder andere in Anthropologie und Soziologie fraglos auch durch seine evolutionäre Vorgeschichte mitbedingt sei, dass aber andererseits der Mensch doch einen gewaltigen Spielraum des eigenen Gestaltens und Konstruierens (ob ich dieses letzte Wort damals ausdrücklich gebrauchte, weiss ich nicht) besässe, und ausserdem müsse man ja auch die Frage der Willensfreiheit bedenken, die alles andere als einfach zu knacken sei und jedenfalls nicht mit einer pauschalen „Negation qua Evolution“ auszuhebeln.

Wenn ihr nun einen showdown mit auf den Gegner zufliegenden halbvollen Kaffetassen und angekauten Kuchenstücken erwartet, muss ich euch zwar enttäuschen. Dennoch. Mein Psychologe verteidigte den evolutionären Zugriff zunächst leidenschaftlich, dann mit Zähnen und Klauen, dann war es keine Verteidigung mehr, sondern ein hochverärgertes, hochempörtes Beharren, und zwar in der Tat mit dem sprichwörtlichen hochroten Kopf: So, so, und nur so! Anders kann es nicht sein und anders ist es nicht! Und alles was ich, der (selbst evolutionär verankerte) Skeptiker des evolutionären Überschwangs, der Verallgemeinerung und Verabsolutierung des Evolutionären, hier an scheinbaren Argumenten gegen die totale evolutionäre Bestimmtheit von allem überhaupt vorbringe, liesse sich natürlich, etwas mehr Zeit und genauere Ausführungen vorausgesetzt, doch wieder auf evolutionäre Faktoren zurückführen. Evolutionär, evolutionär, evolutionär! Alles andere sei schlicht falsch, falsch, falsch! Und dass ich dieses Falsche überhaupt zu äussern wagte, schien für meinen Gesprächspartner nicht nur einen persönlichen Affront darzustellen, sondern einen Affront gegen die Wahrheit und die intellektuelle Redlichkeit selbst.

Wir haben es irgendwie geschafft, unsere Stimmen und uns selbst soweit im Zaum zu halten, dass wir das Café in entgegengesetzte Richtungen verlassen konnten, ohne von einem durch unsere Unterredung hervorgerufenen öffentlichen Aufruhr dazu gezwungen worden zu sein. Es war knapp.

Ich erzähle das, weil heute das „evolutionär-“ vor den Disziplinen der Menschen- und Gesellschaftskunde im gleichen Masse verpönt, ja ein Affront gegen die Wahrheit, die intellektuelle Redlichkeit und zugleich sogar die Grundlagen der menschlichen Moral ist, wie es damals ein Affront war, gegenüber diesem „evolutionär-“ skeptisch zu sein. Und zwar in genau den gleichen fortschrittlichen und tonangebenden Gruppen des intellektuellen Lebens.

Leute. Nicht nur gilt sic transit gloria mundi auch für jene Denkschulen, die sich (im Unterschied zu den physikalisch-empirischen) der ephemeren Gegenstände des Menschlichen und Gesellschaftlichen annehmen. Was heute der letzte Schrei ist, das wird morgen von gestern sein. Aber sowieso: Woher nur kommt dieser blinde Glauben an die totale Theoretisierbarkeit der Welt? Wie erfahrungsarm, wie vorstellungsblass, wie unbelesen muss man sein, um glauben zu können, dass mit einem einzigen Zugriff, einem einzigen Ansatz, zudem mit dessen hemmungsloser Verallgemeinerung und Absolutsetzung – „alles evolutionär!“ – „alles konstruiert!“ – den schwindelerregenden Erscheinungen des Menschlichen oder des Gesellschaftlichen irgendwie Genüge getan sein könnte? Eine haarsträubende Naivität. Und ein Affront gegenüber der Wirklichkeit.

Damit will ich nicht sagen, dass ich meine, man sollte dann doch besser das Denken überhaupt aufgeben. Ganz und gar nicht. Aber man kann doch bitteschön ein wenig raffinierter denken, und ein wenig vielfältiger.

Selbstverständlich ist nicht alles evolutionär und naturalistisch, aber ebenso selbstverständlich ist nicht alles konstruiert und performiert. Alles ist, zunächst einmal, kompliziert. Verwickelt, wie im Wortteil „-pliziert“ angedeutet. Und eine intellektuell redliche Disziplin von irgendetwas, was es auch sei, jedenfalls, wenn es aus dem Bereich des Menschlichen und Gesellschaftlichen stammt, sollte sich doch wohl die Aufgabe stellen, diese Pliziertheit zu entwirren und Modelle und Denkweisen zu erarbeiten, die das In- und Durch- und Miteinander all dieser grundverschiedensten beteiligten Faktoren durchsichtig und begreiflich machen.
Solche Denkweisen sind dann sicher nicht so stringent wie die der reinen unvermischten Lehren, die einer einzigen Leitidee nachlaufen und deren Wirken wittern, worauf immer ihr Blick auch fällt. Dafür werden sie der Wirklichkeit gerechter, können in sich ausgewogener sein, und vor allem werden sie wohl eine längere Halbwertszeit haben als diese knappen paar Jahrzehnte, die zwischen dem Top und dem Flop des Evolutions-Absolutismus lagen. Und auch der Konstruktions-Absolutismus, derzeit in seinen besten Jahren, im luftigsten Konjukturhoch, zumindest in der breiten intellektuellen Öffentlichkeit, wird es wohl kaum länger machen.

„Blended modelling“, verschränktes Modellieren, etwas in dieser Art wäre sicher ein nachhaltigeres Motto. Doch um in so eine Richtung zu denken, müsste man aus den heissgekochten Theorien, welche es auch jeweils seien, erst einmal ganz gehörig den Dampf rauslassen. ︎︎︎





postprogressiv


03.07.

Zum letzten Post (Theorie-showdown im Café): Der hätte auch – wie manches andere mehr – unter dem Stichwort „postprogressiv“ stehen können. Vor zwei-drei Jahrzehnten war der evolutionäre Ansatz soziologisch und anthropologisch progressiv, heute ist der genau gleiche Ansatz reaktionär und konservativ. Aber nicht, weil wir nun eines besseren belehrt wären (auch wenn diejenigen, die jeweils die progressive Fahne tragen, das natürlich behaupten). Denn der Konstruktivismus ist selbst eine Art Wiederaufguss des klassischen Idealismus, nun mit sozialwissenschaftlich-prozedural-funktionalistischem flavour: „die Welt“, sagt auch er, ist nicht einfach da, sondern wir „machen“ sie (durch unsere Vorstellung, durch unsere Produktion von Macht- und Erkenntnisstrukturen, durch unser soziales Agieren).

Wo ist da der Fortschritt? Man kann nicht sagen, dass es keinen gibt. Denn sozialer Konstruktivismus und kritische Theorie sind, auch wenn ihre gedankliche Grundfigur derjenigen des Idealismus verwandt ist, nicht einfach neuer Wein in alten Schläuchen (da gibt es eben einen feinen, aber relevanten Unterschied zum „Wiederaufguss“). Aber der Fortschritt ist auch nicht, als was er sich ausgibt, nämlich kein Ersetzen eines alten, obsoleten Paradigmas durch ein neues, nun allein gültiges und zudem endlich wahres. Den natürlich ist der Fortschritt nicht linear, sondern wenn überhaupt, dann ist er spiralig. Was aber heisst, dass das Vorige nicht vom Tisch ist, wenn das Nächste kommt, sondern es ist aufgehoben, es kehrt – in fortschrittlicheren Varianten – ebenfalls wieder, jedenfalls tut es das mit einiger Wahrscheinlichkeit. Und das wiederum heisst, dass das Aktuelle sich nicht in Gegnerschaft zum Gewesenen positionieren kann, ohne die Spirale zu zerschneiden, in der es selbst nur eine Windung ist. Und das meine ich mit „postprogressiv“: den Glauben daran aufzugeben, dass der Vektor des Neuen automatisch der Vektor des Progressiven ist, und vor allem, dass er es über längere Zeit bleiben kann.

Ausser durch die Spiralen-Metapher kann man Postprogressivität auch durch die Metapher des Umkippens illustrieren, oder durch die der Basculanz (wie bei einer Wippe, die hin- und herwippt). Was heute fortschrittlich ist, kann morgen reaktionär sein, aber nicht, weil es „überholt“ wäre, sondern weil, von einem neuen historischen Standpunkt aus gesehen, die Beurteilung kippt. Das Progressive kann sich seiner Fortschrittlichkeit nie sicher sein, sie kann ihm auch wieder als reaktionär in den Rücken fallen, und zwar mit dem gleichen Momentum, das zuvor vorwärts trieb, nur nun mit invertierter Wirkrichtung. Wie das Attribut „evolutionär“ sich von progressiv zu reaktionär wandelte ist ein gutes Beispiel dafür, aber das nächste Attribut steht schon bereit, ebenfalls zu kippen, nämlich das von „konstruiert“ und „kritisch“. Es muss nicht kippen, aber es kann, und wenn es kippt, dann weiss man nicht, wann. Und diese Kippligkeit oder eben Basculanz immer mitzudenken, ist postprogressiv.

Ausser historischen Modellfällen wie solchen, die – ich hatte das mal gepostet – etwa Kolakowski anführt und in Bezug auf die er Hegels Konzept der „List der Vernunft“ nutzbar macht (bei Kolakowski ging es um Reformation als progressiv / reaktionär, ausserdem um Nationalismus, Marxismus, Existenzialismus) und neben dem Naturalismus- oder Evolutionsbeispiel sind mir in letzter Zeit noch zwei ganz ähnliche Umkippungen oder Basculationen untergekommen: einmal das Verhältnis von psychologischer Devianz und Normalisierung, dann das von zweiter und dritter Welle des Feminismus bzw. der emanzipatorischen Bewegungen.

In seinem inzwischen schon klassischen Aufsatz zu „concept creep“ beschreibt der australische Psychologe Nick Haslam, wie noch in den 90er Jahren in den USA die Tendenz bestand, abweichendes Individualverhalten, das nach vorigen Massstäben als krankhaft gegolten hätte, zu depathologisieren: diese Menschen sind eben nur anders, dieser Andersheit muss kein Symptomcharakter zugeschrieben werden und vor allem fordert sie keine Therapie, sondern im Gegenteil: Anerkennung. Diese normalisierende Haltung galt damals als progressiv (und sie wurde von Konservativen als falsche Normalisierung angeprangert). Bei Oliver Sacks und seiner Darstellung des psychologisch und neurologisch „Besonderen” zeigt sie sich zum Beispiel dann in popularisierter Form.

Inzwischen aber ist laut Haslam die genaue Gegenbewegung eingetreten, und auch diese reklamiert für sich die Fahne des Fortschritts: anstatt einer Normalisierung des Devianten findet jetzt eine Pathologisierung des zuvor Normalen statt. Unaufmerksame und sprunghafte Kinder werden mit ADHS diagnostiziert und mit Ritalin therapiert, melancholische Seelenzustände oder biographisch nachvollziehbare, existenzielle Verzweiflungen als Krankheit, als Depression kategorisiert und so weiter – der Geltungsbereich der pathologischen Begriffe wird massiv aufgeweitet. Und nun gilt das als progressiv, während ein skeptisches Hinweisen auf diesen Prozess schleichender Pathologisierung von den Progressiven selbst nun als reaktionär und konservativ verstanden wird.

In Anbetracht der Kippbewegung, die den Vektor von Normalisieren vs. Pathologisieren zuvor schon einmal umgepolt hatte, könnte es ratsam scheinen, auch gegenüber dieser neuen Ausrichtung des Zukunftts- und Fortschrittspfeils eine gewisse Skepsis zu bewahren. Jeder Fortschritt steht auf kippeligem Grund. Die Basculanz kann schon hinter der nächsten Ecke auf ihn warten.

Ähnlich ist es, als letztes Beispiel hier und nur ganz kurz, bei den Wellen der emanzipatorischen Bewegungen. Das ist mir gerade beim Studium der Genderlinguistik mehrfach untergekommen, aber es gab auch die Tage einen schönen Artikel in der Zeit (Spaziergang durch Neukölln), der ebenfalls die Kippligkeit des Fortschrittlichen illustrierte.

Linguistisch spitzt sich das Basculieren in der Frage zu, ob es denn nun fortschrittlich ist oder im Gegenteil gerade nicht, durch Beidnennungen etc. das weibliche Geschlecht sprachlich extra hervorzuheben. Die zweite emanzipatorische Welle sagt, dass ja: Die historische Ungerechtigkeit von Patriarchat und Androzentrismus muss kompensiert werden. Die dritte Welle sagt, dass nein: Durch die Betonung der „-innen“ wird das binäre Geschlechtersystem zementiert. Kurioserweise sagen auch die Konservativen (im Sinne derer, die eh keinen Emanzipationsbedarf sehen) das gleiche. Die Betonung des sprachlichen Femininums kippt also von „falsch“ zu „richtig“ und wieder zu „falsch“, der Fortschrittsvektor polt sich gleich zweimal um.

In Anbetracht dieser abermaligen Basculanz, die als Potenzial offenbar allem, das sich als progressiv deklariert, eingeschrieben ist, sagt die Postprogressivität: Gemach. Es mag Gründe dafür geben, genau jetzt genau diesen Modus der Transformation (von soziologischen und anthropologischen Theorien, von Normalisierungen und Pathologisierungen, von programmatischem Gendering oder programmatischem De-Gendering) zu vertreten und voranzubringen. Nur hüte dich davor, dein Anliegen allzu forsch in die grosse Linie des Fortschritts einzuschreiben – und vor allem davor, es strategisch als Gegnerschaft gegen das Alte, Konservative, Falsche, Schlechte, Reaktionäre zu positionieren. Denn die nächste Basculation kann näher sein als du denkst, und sowieso strickst zu mit gemeinsam mit denen, die du bekämpfst, an ein und derselben Spirale. Postprogressiv kannst du sehr wohl Gründe formulieren, warum du so und so transformieren willst und warum auch andere dies wollen sollten, aber diese Gründe lassen sich nicht damit zusammenfassen, dass du der Progressive bist und die anderen nicht. Dafür ist der Fortschritt dann doch eine etwas zu kippelige Angelegenheit.︎︎︎