Juli

Ebbi und Elke-die-Melke


01.07.2021

Jetzt mal etwas ganz anderes. Ich habe auf dem Dorf einen Nachbarn, der heisst Ebbi. Also eigentlich heisst er natürlich Eberhardt. Von Ebbi habe ich schon eine Menge gelernt, etwa, wie man ausgebüxte Kühe wieder einfängt (Ebbi ist Rinderzüchter von Beruf), aber auch allerlei darüber, wie Menschen so ticken, wenn sie keine Schlauköppe von der Universität sind, wie Ebbi das nennt.

Neulich stehen wir so mit unserem Nachmittagsbier an der Weide, da klingelt bei Ebbi das Telefon. „Gut Elke, ich komm hoch“, sagt er, legt auf und geht zum Traktor. „Da kommt se wieder nicht in den Kühlraum, ich muss mal aufschliessen fahren.“ – „Elke? Ist das die vom Hofladen?“, frage ich. – „Nee, Elke-die-Melke. Kennste nich? Halb sechs, Zeit fürs Abendmelken, mein Lieber, höchste Zeit!“

Oh, Ebbi, rolle ich mit den Augen. Elke-die-Melke. Junge junge. Und Tine die Tippse oder was? Und Paula die Putze. Geht's noch?

Na gut, mich nennt er schliesslich Schlaukopp, auch nicht viel besser.

Aber ich erzähle euch das jetzt hier nicht einfach als Schwank vom Lande, sondern ganz gezielt in Hinblick auf einen anderen Post von neulich, nämlich den über die Autohyponomie als sprachgerechtlichkeitliches Problem. Ein Problem, das immer dann entsteht, wenn eine übergeordnete Rollenbezeichnung zugleich auch eine(n) der Akteure bezeichnet, wie bei: Tischler: der Tischler <-> die Tischlerin. Man hat dann keine Möglichkeit, in neutraler Weise von der Rolle zu reden: „Wenn du Tischler werden willst“, scheint sich nur auf Männer zu beziehen, ebenso „Wenn du Arzt werden willst“, „Kunde“, „Radfahrer“, „Student“, „Pilot“, was auch immer. Und das ist nicht irgendein Problem, das man auf die leichte Schulter nehmen könnte, sondern es ist das Kernproblem des Geschlechtersprachenstreits.

Elke die Melke. Und dann gab's da noch die „Saftschubse“ im Flugverkehr. Viel mehr in dieser Art aber wohl nicht. Auch die Forschung hat dazu nicht viel zu sagen. Eine Dissertation* von 2012 bemerkt: „Bildungen dieser Art machen eine ausgeprägte abwertende Haltung erkennbar.“ Nun ja. Oh, Ebbi.

Andererseits.

Andererseits haben wir natürlich Wörter wie „Bote“ oder „Schütze“ oder „Vorfahre“. Auch auf „-e“. Oder „Schotte“. Oder „Schwabe“. Oder „Biologe“. Aber gut, die sind nicht unmittelbar von einem Verb abgeleitet wie „Putze“. Und sie sind nicht weiblich, sondern männlich. Aber sie sind jedenfalls nicht besonders abwertend. Vielleicht, weil sie nicht weiblich, sondern männlich sind?

Und andererseits-andererseits haben wir auch grammatisch feminine Wörter auf -e wie „Hilfe“ und „Wache“. Jedenfalls ist nichts dabei, zu sagen: „Ist das der Gärtner?“ – „Nee, das ist seine Hilfe. Der Gärtner kommt gleich.“ Und gegen eine „Wache“, die sich vor dem Tor gelangweilt eine Zigarette dreht, ist auch nichts einzuwenden. Und beide sind Kerle, die Hilfe wie die Wache. Oder, wartet mal – sie können ja auch Frauen sein. Geht beides. Und Elke die Melke könnte auch Kurt die Melke sein. Oder Arbogast die Melke. Sollte heute noch jemand den Namen Arbogast kennen.

„Einschränkend muss jedoch betont werden,“ weiss die besagte Dissertation darüberhinaus, „dass abwertende Personenbezeichnungen auf -e nicht reihenbildend sind.“ Will sagen, es gibt nur diese drei ziemlich lächerlichen Beispiele Putze, Tippse, Schubse und das war's dann auch. Na gut, plus Melke jetzt, dank Ebbi.

Als der davongebrummt war auf seinem Traktor, um den Kühlraum aufzuschliessen, dämmerte es mir allmählich. Mir, dem Schlaukopp. Elke die Melke. Das war im Grunde ... ein Froschkönig. Küss mich.

Helfen -> die Hilfe. Melken -> die Melke. Nimm ein Verb, weg mit dem „-n“, links ein „die“ davor gestellt, fertig ist die neutrale Rollenbezeichnung. Keine Autohyponomien mehr, keine verknotete sich selbst enthaltende Logik, keine geschlechtliche Schlagseite. die Melke: der Melker <-> die Melkerin. die Hilfe: der Helfer <-> die Helferin. Immer fein gerecht verteilt und eindeutig benannt. Keine Doppeldeutigkeiten, kein „mitgemeint“. Und die Rollenbezeichnung selbst steht auch noch im grammatischen Femininum. Besser kann es doch gar nicht sein! Eben: ein Froschkönig. Schlummert da vor sich hin in seinem Moderteich im Glassarg, und wartet darauf, wachgeküsst zu werden um sich in einen schönen Prinzen zu verwandeln, äh, in eine schöne Prinze. In eine schöne geschlechtsneutrale Prinze mit goldenem Haar, das sie uns nun gleich herunterlässt, damit wir uns daran zur Sprachgerechtigkeit hangeln. Märchenhaft.

Okay, ich weiss, was du jetzt denkst, liebe Kollege. Wieder so eine Pseudolösung wie die von dem Herrn Phettberg, der möchte, dass alle von ihren Freundys reden und bei Professorys studieren und zu Ärztys gehen und sich ihre Milch von Melkys aus dem Kuheuter zutzeln lassen. Lustig, aber albern. Und sicher nicht besser als das Gendersterny.

Ich kann das ja verstehen, dass du so denkst. Aber ich glaube auch, ich kann dich davon überzeugen, dass diese beiden Fälle – „liebes Kollegy“ einerseits, „liebe Kollege“ andererseits – nichts miteinander zu tun haben. Dass sie völlig unterschiedlich funktionieren. Und dass die E-Ableitung oder, wie man korrekter sagen müsste, die Ebbi-Derivation eine echte Alternative zu dem Geschlechts-Endungs-Verdopplungs-Bohei ist, mit dem wir derzeit ständig traitiert werden, und dass sie als einzige unter allen Optionen das Problem der sprachlichen Geschlechtergerechtigkeit wirklich und nachhaltig löst. Na gut, dass sie beiträgt dazu, es wirklich und nachhaltig zu lösen. Massgeblich beiträgt.

Leider ist dieser Post jetzt gleich zu Ende, daher nur drei Stichpunkte.

1. Die „abwertende Konnotation“ kann leicht in eine neutrale umgehört werden anhand von Modellfällen wie „Hilfe“. Wie schnell derartige Konnotationen sich ändern und sich sogar in ihr Gegenteil verkehren können, zeigt das Beispiel „schwul“.

2. Die E-Derivation ist nicht tot, sie schlummert nur. Jeder weiss, wie man solche Wörter herstellt, das Muster lässt sich augenblicklich aktivieren. Sie ist aber auch nicht aktuell produktiv wie die Y-Derivation (Phettberg-Ableitung). Sondern das Muster steht als Rohmaterial zur umdeutenden Wiederverwendung frei zu Verfügung. Es wartet auf uns!

3. Das Produkt der E-Derivation ist ein grammatisches Femininum (und nicht, wie „das Kollegy“, ein Neutrum, das seinen versächlichend-verniedlichenden Charakter niemals loswird). Und dieses feminin-Sein ist ein riesiges Plus. Denn den geschlechtlichen Binominalismus im Umgang mit Personen werden wir unserer Sprache noch über lange Zeit nicht austreiben können: Alles, was wir über Personen durch pronominale Konstruktionen sagen wie „jeder, der ...“, „keiner“, „man“, „Wer hat seinen Lippenstift im Bad vergessen“ und so weiter rastet unweigerlich grammatisch ins Maskulinum ein. Man kann das aber gegenbalancieren. Dadurch, dass man geschlechtlich neutrale Rollenbezeichnungen grammatisch ins Femininum schnappen lässt: DIE Hilfe. DIE Melke. DIE Pilote.

Wie würde das aussehen? Zum Beispiel so: Vom Verband der Landwirte (singular: eine Landwirte, plural: viele Landwirte) wird gesucht: eine Bürohilfe und eine Rinderhüte (halbtags), jeweils m/f/d. Bewerbungen bitte direkt an die Verbandsvorstehe Herrn Diekmann.

Könnt ich mich glaub ich ziemlich fix dran gewöhnen. In meiner Männlichkeit bekniffen werd ich jedenfalls dadurch nicht. Hat mit der ja nichts zu tun, ist ja nur ne grammatische Kategorie.

Na denn viele Grüsse und einen guten Start in den Monat Juli!

Eure Sprachphilosophe 


* Konnotation im Deutschen – Eine Untersuchung aus morphologischer, lexikologischer und lexikographischer Perspektive. Bettina Felicitas Birk (2012). online verfügbar

Zur im Text erwähten Phettberg-Ableitung: hier (Der Link generiert bei mir erst eine Fehlermeldung, die ist ungefährlich und lässt sich wegklicken)

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Intellektuelle Konjunkturen


03.07.

Zu intellektuellen Konjunkturen. Ich habe gerade mal nachgeschaut – es ist genau (und nur) 17 Jahre her, dass ich in einem Berliner Café in einen mittleren Eklat verwickelt war. Zu dieser Zeit stand, zumindest in Deutschland, noch das Wort „evolutionär-“ vor den wichtigsten Moderichtungen der Menschen- und Gesellschaftskunde, an so ziemlich der gleichen Stelle, an der derzeit gerade „kritisch“ steht. Und dementsprechend galt damals alles als „geworden“, was heute als „gemacht“ gilt – von den Bedingtheiten der menschlichen Erkenntnisweisen bis zum, versteht sich, Geschlecht und seinen jeweiligen (angeblichen?) Spezifiken.

Eigentlich sollte es bei diesem Treffen um eine gemeinnützige Angelegenheit gehen, für die ich überlegte, etwas zu spenden – ein guter Freund aus der Philosophie hatte uns zusammengebracht, ungefähr mit den Worten: Ihr könnt sicher auch sonst etwas miteinander anfangen. Ha, und ob.

Wir sassen da, es könnte im „Il Pane e le Rose“ gewesen sein, am Nachmittag, drinnen, und relativ schnell wurde im Gespräch mit meinem neuen Bekannten klar, dass sein Spendenanliegen nicht meins war, also wechselten wir die Themen. Was ich nicht wusste: Mein Gegenüber war Psychologe, gerade promovierend oder gerade fertigpromoviert. Und nicht irgendein Psychologe, sondern Evolutionspsychologe.

All diesen intellektuellen Schulen mit den vorangestellten Attribut „evolutionär-“ ist ja bekanntlich eines gemeinsam: Sie leiten Phänomene, die beim Menschen oder in der menschlichen Gesellschaft beobachtbar sind, aus ihrer jeweiligen evolutionären Vorgeschichte her. Und zwar ausschliesslich aus dieser. Und das, wie ich feststellen durfte, oft mit grossem Engangement für die Sache.

Mein Gegenüber jedenfalls erklärte mir, dass alles, was der Mensch tut, empfindet, will, ja was er überhaupt ist, einzig und allein ein Produkt der Evolution sei und nichts anderes sonst, und dass er, der Mensch, folglich auch keinerlei eigene Gestaltungsmacht über dieses Tun, Empfinden und Sein besässe ausserhalb des von den evolutionären Kräften gesetzten Rahmens, deren Auswirkungen sich aber bekanntlich erst über Jahrhunderttausende bemerkbar machten und die zudem vom Menschen nur bedingt steuerbar seien.

Das heisst, er glaubte mir das alles zu erklären, denn neu war es für mich ja nicht. Ich hatte ein paar Jahre vorher meine sich anbahnende Unikarriere zugunsten Russlands und, wie soll man sagen: „des Lebens“ abrupt abgewendet, und angebahnt hatte sie sich mit eben just den Themen der Theorie der (allerdings: strikt biologischen) Evolution. Ich war auf dem Laufenden. Und alles andere als beeindruckt.

Ich weiss nicht mehr, wie ich im Detail argumentierte, jedenfalls hielt ich dem verabsolutierten Evolutions-Naturalismus meines Gesprächspartners – wir nippten da noch halbwegs entspannt unseren Cappuccino – entgehen, dass, sicher, ja, das eine oder andere in Anthropologie und Soziologie fraglos auch durch seine evolutionäre Vorgeschichte mitbedingt sei, dass aber andererseits der Mensch doch einen gewaltigen Spielraum des eigenen Gestaltens und Konstruierens (ob ich dieses letzte Wort damals ausdrücklich gebrauchte, weiss ich nicht) besässe, und ausserdem müsse man ja auch die Frage der Willensfreiheit bedenken, die alles andere als einfach zu knacken sei und jedenfalls nicht mit einer pauschalen „Negation qua Evolution“ auszuhebeln.

Wenn ihr nun einen showdown mit auf den Gegner zufliegenden halbvollen Kaffetassen und angekauten Kuchenstücken erwartet, muss ich euch zwar enttäuschen. Dennoch. Mein Psychologe verteidigte den evolutionären Zugriff zunächst leidenschaftlich, dann mit Zähnen und Klauen, dann war es keine Verteidigung mehr, sondern ein hochverärgertes, hochempörtes Beharren, und zwar in der Tat mit dem sprichwörtlichen hochroten Kopf: So, so, und nur so! Anders kann es nicht sein und anders ist es nicht! Und alles was ich, der (selbst evolutionär verankerte) Skeptiker des evolutionären Überschwangs, der Verallgemeinerung und Verabsolutierung des Evolutionären, hier an scheinbaren Argumenten gegen die totale evolutionäre Bestimmtheit von allem überhaupt vorbringe, liesse sich natürlich, etwas mehr Zeit und genauere Ausführungen vorausgesetzt, doch wieder auf evolutionäre Faktoren zurückführen. Evolutionär, evolutionär, evolutionär! Alles andere sei schlicht falsch, falsch, falsch! Und dass ich dieses Falsche überhaupt zu äussern wagte, schien für meinen Gesprächspartner nicht nur einen persönlichen Affront darzustellen, sondern einen Affront gegen die Wahrheit und die intellektuelle Redlichkeit selbst.

Wir haben es irgendwie geschafft, unsere Stimmen und uns selbst soweit im Zaum zu halten, dass wir das Café in entgegengesetzte Richtungen verlassen konnten, ohne von einem durch unsere Unterredung hervorgerufenen öffentlichen Aufruhr dazu gezwungen worden zu sein. Es war knapp.

Ich erzähle das, weil heute das „evolutionär-“ vor den Disziplinen der Menschen- und Gesellschaftskunde im gleichen Masse verpönt, ja ein Affront gegen die Wahrheit, die intellektuelle Redlichkeit und zugleich sogar die Grundlagen der menschlichen Moral ist, wie es damals ein Affront war, gegenüber diesem „evolutionär-“ skeptisch zu sein. Und zwar in genau den gleichen fortschrittlichen und tonangebenden Gruppen des intellektuellen Lebens.

Leute. Nicht nur gilt sic transit gloria mundi auch für jene Denkschulen, die sich (im Unterschied zu den physikalisch-empirischen) der ephemeren Gegenstände des Menschlichen und Gesellschaftlichen annehmen. Was heute der letzte Schrei ist, das wird morgen von gestern sein. Aber sowieso: Woher nur kommt dieser blinde Glauben an die totale Theoretisierbarkeit der Welt? Wie erfahrungsarm, wie vorstellungsblass, wie unbelesen muss man sein, um glauben zu können, dass mit einem einzigen Zugriff, einem einzigen Ansatz, zudem mit dessen hemmungsloser Verallgemeinerung und Absolutsetzung – „alles evolutionär!“ – „alles konstruiert!“ – den schwindelerregenden Erscheinungen des Menschlichen oder des Gesellschaftlichen irgendwie Genüge getan sein könnte? Eine haarsträubende Naivität. Und ein Affront gegenüber der Wirklichkeit.

Damit will ich nicht sagen, dass ich meine, man sollte dann doch besser das Denken überhaupt aufgeben. Ganz und gar nicht. Aber man kann doch bitteschön ein wenig raffinierter denken, und ein wenig vielfältiger.

Selbstverständlich ist nicht alles evolutionär und naturalistisch, aber ebenso selbstverständlich ist nicht alles konstruiert und performiert. Alles ist, zunächst einmal, kompliziert. Verwickelt, wie im Wortteil „-pliziert“ angedeutet. Und eine intellektuell redliche Disziplin von irgendetwas, was es auch sei, jedenfalls, wenn es aus dem Bereich des Menschlichen und Gesellschaftlichen stammt, sollte sich doch wohl die Aufgabe stellen, diese Pliziertheit zu entwirren und Modelle und Denkweisen zu erarbeiten, die das In- und Durch- und Miteinander all dieser grundverschiedensten beteiligten Faktoren durchsichtig und begreiflich machen.
Solche Denkweisen sind dann sicher nicht so stringent wie die der reinen unvermischten Lehren, die einer einzigen Leitidee nachlaufen und deren Wirken wittern, worauf immer ihr Blick auch fällt. Dafür werden sie der Wirklichkeit gerechter, können in sich ausgewogener sein, und vor allem werden sie wohl eine längere Halbwertszeit haben als diese knappen paar Jahrzehnte, die zwischen dem Top und dem Flop des Evolutions-Absolutismus lagen. Und auch der Konstruktions-Absolutismus, derzeit in seinen besten Jahren, im luftigsten Konjukturhoch, zumindest in der breiten intellektuellen Öffentlichkeit, wird es wohl kaum länger machen.

„Blended modelling“, verschränktes Modellieren, etwas in dieser Art wäre sicher ein nachhaltigeres Motto. Doch um in so eine Richtung zu denken, müsste man aus den heissgekochten Theorien, welche es auch jeweils seien, erst einmal ganz gehörig den Dampf rauslassen. ︎︎︎





postprogressiv


03.07.

Zum letzten Post (Theorie-showdown im Café): Der hätte auch – wie manches andere mehr – unter dem Stichwort „postprogressiv“ stehen können. Vor zwei-drei Jahrzehnten war der evolutionäre Ansatz soziologisch und anthropologisch progressiv, heute ist der genau gleiche Ansatz reaktionär und konservativ. Aber nicht, weil wir nun eines besseren belehrt wären (auch wenn diejenigen, die jeweils die progressive Fahne tragen, das natürlich behaupten). Denn der Konstruktivismus ist selbst eine Art Wiederaufguss des klassischen Idealismus, nun mit sozialwissenschaftlich-prozedural-funktionalistischem flavour: „die Welt“, sagt auch er, ist nicht einfach da, sondern wir „machen“ sie (durch unsere Vorstellung, durch unsere Produktion von Macht- und Erkenntnisstrukturen, durch unser soziales Agieren).

Wo ist da der Fortschritt? Man kann nicht sagen, dass es keinen gibt. Denn sozialer Konstruktivismus und kritische Theorie sind, auch wenn ihre gedankliche Grundfigur derjenigen des Idealismus verwandt ist, nicht einfach neuer Wein in alten Schläuchen (da gibt es eben einen feinen, aber relevanten Unterschied zum „Wiederaufguss“). Aber der Fortschritt ist auch nicht, als was er sich ausgibt, nämlich kein Ersetzen eines alten, obsoleten Paradigmas durch ein neues, nun allein gültiges und zudem endlich wahres. Den natürlich ist der Fortschritt nicht linear, sondern wenn überhaupt, dann ist er spiralig. Was aber heisst, dass das Vorige nicht vom Tisch ist, wenn das Nächste kommt, sondern es ist aufgehoben, es kehrt – in fortschrittlicheren Varianten – ebenfalls wieder, jedenfalls tut es das mit einiger Wahrscheinlichkeit. Und das wiederum heisst, dass das Aktuelle sich nicht in Gegnerschaft zum Gewesenen positionieren kann, ohne die Spirale zu zerschneiden, in der es selbst nur eine Windung ist. Und das meine ich mit „postprogressiv“: den Glauben daran aufzugeben, dass der Vektor des Neuen automatisch der Vektor des Progressiven ist, und vor allem, dass er es über längere Zeit bleiben kann.

Ausser durch die Spiralen-Metapher kann man Postprogressivität auch durch die Metapher des Umkippens illustrieren, oder durch die der Basculanz (wie bei einer Wippe, die hin- und herwippt). Was heute fortschrittlich ist, kann morgen reaktionär sein, aber nicht, weil es „überholt“ wäre, sondern weil, von einem neuen historischen Standpunkt aus gesehen, die Beurteilung kippt. Das Progressive kann sich seiner Fortschrittlichkeit nie sicher sein, sie kann ihm auch wieder als reaktionär in den Rücken fallen, und zwar mit dem gleichen Momentum, das zuvor vorwärts trieb, nur nun mit invertierter Wirkrichtung. Wie das Attribut „evolutionär“ sich von progressiv zu reaktionär wandelte ist ein gutes Beispiel dafür, aber das nächste Attribut steht schon bereit, ebenfalls zu kippen, nämlich das von „konstruiert” und „kritisch“. Es muss nicht kippen, aber es kann, und wenn es kippt, dann weiss man nicht, wann. Und diese Kippligkeit oder eben Basculanz immer mitzudenken, ist postprogressiv.

Ausser historischen Modellfällen wie solchen, die – ich hatte das mal gepostet – etwa Kolakowski anführt und in Bezug auf die er Hegels Konzept der „List der Vernunft“ nutzbar macht (bei Kolakowski ging es um Reformation als progressiv / reaktionär, ausserdem um Nationalismus, Marxismus, Existenzialismus) und neben dem Naturalismus- oder Evolutionsbeispiel sind mir in letzter Zeit noch zwei ganz ähnliche Umkippungen oder Basculationen untergekommen: einmal das Verhältnis von psychologischer Devianz und Normalisierung, dann das von zweiter und dritter Welle des Feminismus bzw. der emanzipatorischen Bewegungen.

In seinem inzwischen schon klassischen Aufsatz zu „concept creep“ beschreibt der australische Psychologe Nick Haslam, wie noch in den 90er Jahren in den USA die Tendenz bestand, abweichendes Individualverhalten, das nach vorigen Massstäben als krankhaft gegolten hätte, zu depathologisieren: diese Menschen sind eben nur anders, dieser Andersheit muss kein Symptomcharakter zugeschrieben werden und vor allem fordert sie keine Therapie, sondern im Gegenteil: Anerkennung. Diese normalisierende Haltung galt damals als progressiv (und sie wurde von Konservativen als falsche Normalisierung angeprangert). Bei Oliver Sacks und seiner Darstellung des psychologisch und neurologisch „Besonderen” zeigt sie sich zum Beispiel dann in popularisierter Form.

Inzwischen aber ist laut Haslam die genaue Gegenbewegung eingetreten, und auch diese reklamiert für sich die Fahne des Fortschritts: anstatt einer Normalisierung des Devianten findet jetzt eine Pathologisierung des zuvor Normalen statt. Unaufmerksame und sprunghafte Kinder werden mit ADHS diagnostiziert und mit Ritalin therapiert, melancholische Seelenzustände oder biographisch nachvollziehbare, existenzielle Verzweiflungen als Krankheit, als Depression kategorisiert und so weiter – der Geltungsbereich der pathologischen Begriffe wird massiv aufgeweitet. Und nun gilt das als progressiv, während ein skeptisches Hinweisen auf diesen Prozess schleichender Pathologisierung von den Progressiven selbst nun als reaktionär und konservativ verstanden wird.

In Anbetracht der Kippbewegung, die den Vektor von Normalisieren vs. Pathologisieren zuvor schon einmal umgepolt hatte, könnte es ratsam scheinen, auch gegenüber dieser neuen Ausrichtung des Zukunftts- und Fortschrittspfeils eine gewisse Skepsis zu bewahren. Jeder Fortschritt steht auf kippeligem Grund. Die Basculanz kann schon hinter der nächsten Ecke auf ihn warten.

Ähnlich ist es, als letztes Beispiel hier und nur ganz kurz, bei den Wellen der emanzipatorischen Bewegungen. Das ist mir gerade beim Studium der Genderlinguistik mehrfach untergekommen, aber es gab auch die Tage einen schönen Artikel in der Zeit (Spaziergang durch Neukölln), der ebenfalls die Kippligkeit des Fortschrittlichen illustrierte.

Linguistisch spitzt sich das Basculieren in der Frage zu, ob es denn nun fortschrittlich ist oder im Gegenteil gerade nicht, durch Beidnennungen etc. das weibliche Geschlecht sprachlich extra hervorzuheben. Die zweite emanzipatorische Welle sagt, dass ja: Die historische Ungerechtigkeit von Patriarchat und Androzentrismus muss kompensiert werden. Die dritte Welle sagt, dass nein: Durch die Betonung der „-innen“ wird das binäre Geschlechtersystem zementiert. Kurioserweise sagen auch die Konservativen (im Sinne derer, die eh keinen Emanzipationsbedarf sehen) das gleiche. Die Betonung des sprachlichen Femininums kippt also von „falsch“ zu „richtig“ und wieder zu „falsch“, der Fortschrittsvektor polt sich gleich zweimal um.

In Anbetracht dieser abermaligen Basculanz, die als Potenzial offenbar allem, das sich als progressiv deklariert, eingeschrieben ist, sagt die Postprogressivität: Gemach. Es mag Gründe dafür geben, genau jetzt genau diesen Modus der Transformation (von soziologischen und anthropologischen Theorien, von Normalisierungen und Pathologisierungen, von programmatischem Gendering oder programmatischem De-Gendering) zu vertreten und voranzubringen. Nur hüte dich davor, dein Anliegen allzu forsch in die grosse Linie des Fortschritts einzuschreiben – und vor allem davor, es strategisch als Gegnerschaft gegen das Alte, Konservative, Falsche, Schlechte, Reaktionäre zu positionieren. Denn die nächste Basculation kann näher sein als du denkst, und sowieso strickst zu mit gemeinsam mit denen, die du bekämpfst, an ein und derselben Spirale. Postprogressiv kannst du sehr wohl Gründe formulieren, warum du so und so transformieren willst und warum auch andere dies wollen sollten, aber diese Gründe lassen sich nicht damit zusammenfassen, dass du der Progressive bist und die anderen nicht. Dafür ist der Fortschritt dann doch eine etwas zu kippelige Angelegenheit.︎︎︎